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Vortrag anlässlich der Eröffnung der Kinder- und Jugendbuchmesse KIBUM 2004 in Mersch (Luxemburg)
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich danke dem Centre National de Littérature und dem Verein Freude am Lesen herzlich für die Einladung, und ich freue mich, dass ein so schönes Haus der Literatur gewidmet ist. Man hat doch manchmal den Eindruck, dass Leser zu den bedrohten Arten gehören, und da setzt ein solcher Rahmen ein deutliches Zeichen: Es gibt uns noch.
Wenn ich von einer Schulklasse erzähle, in der von 30 Kindern vielleicht vier oder fünf Leser sind - Leser, damit meine ich jetzt Leute, die freiwillig und in ihrer Freizeit Bücher lesen - dann wundert sich niemand darüber. So ist es halt. Videoclips, Fernsehserien, Computerspiele sind eine übermächtige Konkurrenz, wie soll da sich jemand für Bücher interessieren, und früher war sowieso alles besser.
Nur: die Schulklasse, von der ich spreche, war meine eigene – früher, als ich Kind war.
Soweit ich weiß, hat man erst in den letzten Jahren angefangen, das Leseverhalten unserer Kinder statistisch zu erfassen, ich kann es jedenfalls nicht mit Zahlen untermauern, aber ich glaube, es hat immer nur einen kleinen Prozentsatz von Lesern gegeben, und ich glaube, der ist seit meiner Schulzeit vielleicht nicht gestiegen, aber wohl auch nicht gesunken. In Anbetracht des weit verbreiteten Pessimismus, was das Lesen angeht, ist das eine optimistisch stimmende Beobachtung.
Ich weiß von einem damaligen Mitschüler, dass er Kinderbücher wie zum Beispiel das berühmte "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer" erst im Alter von rund 30 Jahren kennengelernt hat, dann nämlich, als er sie seinen eigenen Kindern vorgelesen hat. Es hat ihm in gewisser Weise nicht geschadet, er hat Abitur gemacht, er hat studiert, er hat Erfolg im Beruf. Aber als er nun die Kinderbücher seinen eigenen Kindern vorlas, wurde ihm bewusst, dass er da doch etwas verpasst hatte, und gemeinsam mit seinen Kindern holte er mit großer Begeisterung den Einstieg in das Leseleben nach.
Ohnehin: Wir reden gerne von Leseförderung für Kinder. Vielleicht sollten wir einmal über die für Erwachsene sprechen. Es ist ein bekanntes Phänomen, das nicht selten auftritt, dass Kinder lesen, und in einem bestimmten Alter, vielleicht mit der Pubertät, endet das, und sie lesen nie mehr wieder, jedenfalls nicht schöne Literatur.
Erstaunlicherweise hören wir neuerdings, wie viele Erwachsene unter den Lesern von Kinderbüchern sind. Ein interessanter Aspekt unseres Themas: Kinderliteratur als Einstieg oder Neueinstieg ins Leseleben – für Erwachsene nämlich.
Ich selbst gehörte als Kind, es wird Sie nicht überraschen, zu der recht kleinen Gruppe der Leser. Das wäre mir beinahe nicht gut bekommen. Die Türe zu meinem Kinderzimmer hatte einen Einsatz aus geriffeltem Glas. Man konnte zwar nicht hindurch schauen, aber man sah schon von weitem, ob in meinem Zimmer noch Licht brannte, und ich wurde regelmäßig zu früher Stunde, oft schon vor Mitternacht, angehalten, das Licht zu löschen. So auch bei der Lektüre eines Buches über Klaus Störtebecker, den norddeutschen Piraten. Das Buch erschien mir so spannend, dass ich genötigt war, trotz Verbot weiterzulesen, und dazu stellte ich mir die Nachttischlampe unter die Bettdecke, so dass kein Lichtstrahl nach außen drang. Leider schlief ich dann doch irgendwann ein. Hätte meine Mutter nicht den beißenden Geruch bemerkt, der sich in der Wohnung ausbreitete, ich wäre schon früh ein Opfer der Literatur geworden.
Da die Sache glücklicherweise gut ausgegangen ist, mag sie uns als Beispiel für die Faszination des Lesens dienen. Es ist ja eigentlich keine unangenehme Beschäftigung, zu der wir unsere Kinder antreiben wollen. Wer das einmal erfahren hat, wird gerne lesen, selbst unter erschwerten Umständen, mit der Decke über dem Kopf.
Am Beispiel meines Mitschülers, dem als Kind diese Erfahrung vorenthalten blieb, wird deutlich: Diese Erfahrung kommt nicht unbedingt von alleine, es bedarf in der Regel eines Anstoßes von außen. Leseförderung ist also sinnvoll und notwendig.
Fast jeder größere Kinderbuchverlag führt deshalb heute die eine oder andere Erstlesereihe. Das Prinzip solcher Reihen: Sie sind, heißt es in einer Projektbeschreibung, "inhaltlich und sprachlich so einfach, wie die Anfänger es brauchen". Das ist gut, und das hören die überforderten Eltern gern, die natürlich genau das suchen, was ihr Kind (Anfänger) gerade braucht.
Ich habe mich selbst einmal an einem Text für eine solche Erstlesereihe versucht. Ein Mädchen und ihr Opa spielen auf dem Sofa im Wohnzimmer den Untergang eines Schiffes. Die Geschichte war entstanden für den "Ohrenbär" des SFB, eine Sendereihe für Vorschulkinder also, die allerdings nicht von Lesetechnikern redigiert wird. Für die Erstlesereihe habe ich die Geschichte etwas vereinfacht.
Die Ablehnung des Verlags kam prompt. Sie war folgendermaßen begründet: "Wir sind der Meinung, dass Ihre kleine Geschichte vor allem aufgrund der sprachlichen Ebene, die uns oftmals zu abstrakt erscheint, für Leseanfänger nicht geeignet ist. ... Wir müssen bei dieser Serie immer wieder vor Augen haben, dass der Leseanfänger den Text lesetechnisch erfassen muss und andererseits auch der Text sinngemäß leicht verständlich ist."
Dankenswerterweise wurde die Lektorin konkret und nannte Beispiele. Ich führe sie hier an, um zu verdeutlichen, was Leseanfängern alles nicht zugemutet wird: "Du musst Aussicht halten ... Das Lenkrad funktioniert nicht mehr ... Das Schiff schaukelt orientierungslos ... Wir haben den Kontakt verloren ... Hier finden kühne Seefahrer ihr feuchtes Grab ... Und seine Miene hellt sich auf."
Ich gebe zu: "orientierungslos" ist ein harter Brocken, und ich ließe über die Verwendung dieses Wortes durchaus mit mir verhandeln. "Funktionieren" allerdings gehört zum Wortschatz des technikinteressierten Fünfjährigen. Und vor allem müssen wir vor Augen haben, dass hier die lesetechnisch anspruchsvollen Passagen, die schwer verständlichen, die "dunklen Stellen", wie die alten Hermeneutiker sagten, aus dem Zusammenhang gerissen und aufgelistet sind.
Im Zusammenhang eines sonst verständlichen Textes, davon bin ich überzeugt, verkraftet auch der Leseanfänger durchaus die eine oder andere "dunkle Stelle". Manchmal ist es gerade das, was die Atmosphäre einer Geschichte ausmacht. In der kleinen Geschichte spielen ein Mädchen und sein Opa im Wohnzimmer eine gefährliche Seefahrt. Da gleichzeitig das Badewasser überläuft, berühren sich am Ende Phantasie und Realität.
Auf die Atmosphäre kommt es dabei durchaus an. Es ist eben nicht dasselbe, wenn der Opa auf dem untergehenden Schiff, respektive dem Ledersofa stehend, sagt: "Jetzt gehen wir unter!" oder ausruft: "Hier finden kühne Seefahrer ihr feuchtes Grab!"
Und auch der Leseanfänger, unterschätzen wir ihn nicht, ist durchaus in der Lage, etwas von dieser Atmosphäre zu verspüren. Er bemerkt, dass der Opa in diesem Spiel ungewohnt, fremd, ja stellenweise unverständlich redet. Das gehört zum Spiel! Und wir wissen doch aus der Märchenlektüre, wie fasziniert Kinder all das Fremde und Unverständliche wahrnehmen, das sie in der eigenartigen Welt des Märchens vorfinden.
Lesetechnisch leicht zu erfassen, meine Damen und Herren, das klingt zunächst unverdächtig und richtig. Sieht man sich aber genauer an, was sich hinter dieser allgemeinen, etwas vagen Formulierung verbirgt, so wird klar: Viele dieser Erstlesebücher sind Freizeitschulbücher, eine Fortsetzung der Schulstunde, und zwar kaum mit anderen Mitteln. So schreibt man solche Kinderbücher: Pro Seite 18 Zeilen, pro Zeile maximal 33 Anschläge und maximal 6 Wörter – und so weiter.
Da frage ich mich, ob hier nicht Lesetechnik an die Stelle von Phantasie tritt. Wenn zum Beispiel im Text selbst sogenannte "Übungen zum Leseverständnis" enthalten sind. Das heißt, auf jeweils einen Textabschnitt von rund 25 Wörtern folgt ein kleiner Test. Originalzitat:
Die anderen Tiere
sind traurig.
Sie sagen:
"Ihr werdet uns fehlen!"
Wie geht es den Tieren?
Kreuze an.
Sie sind lustig.
Sie sind froh.
Sie sind traurig.
Sie sind vergnügt.
Die Reihe, aus der ich dieses Zitat entnommen habe, heißt übrigens: Lernen macht Spaß.
Lesen auch? Man möchte es kaum glauben. Wer Erstlesebücher produziert, glaubt es in der Regel auch nicht. Sondern glaubt vielmehr, dass das Lesen den Kindern lange nicht soviel Spaß macht, wie Computerspiele, und sieht sich deshalb in die Defensive gedrängt.
Erstlesebücher sind einem klar definierten Zweck untergeordnet. Und weil es schwierig geworden ist mit den allgemeinverbindlichen Zwecken, ist es ein sehr beschränkter Zweck. Die Kinder sollen diese Texte lesen, um die Fähigkeit zu erwerben, Texte zu lesen. Und seitdem die PISA-Studie zumindest die deutsche Bildungswelt erschüttert hat, scheint das manchmal zum Sinn und Zweck der gesamten Kinderliteratur ausgerufen zu werden: Kinderbücher sind aus dieser Perspektive nichts anderes, als Hilfsmittel einer groß angelegten Alphabetisierungskampagne.
Nun höre ich den Einwand des einen oder anderen Grundschullehrers: "Mein lieber Herr Schriftsteller, Sie haben gut reden. Wir dagegen stehen direkt an der Lesefront, und wir haben es teilweise mit Kindern zu tun, für die kann ein Text nicht einfach genug sein." Das mag so sein, und ich maße mir nicht an, hier zu widersprechen. Ich maße mir nicht einmal an, Methoden vorzuschlagen, wie Kindern die Technik des Lesens beigebracht werden kann. Das wissen Pädagogen besser als ich.
Mir geht es auch nicht um die Erstlesebücher in der Schule, sondern um die im Kinderzimmer. Und da frage ich mich schon: Verdanken sie ihren Erfolg vielleicht dem Umstand, dass sie alles so scheinbar einfach machen? Wir brauchen in der Buchhandlung nicht lange zu suchen, wir schenken dem Kind ein Erstlesebuch, und dann schaltet das Kind den Fernseher aus, legt den Gameboy auf die Seite, marschiert mit seinem neuen Buch ins Kinderzimmer und beginnt zu lesen.
Und wie von selbst geht es weiter: Auf Stufe eins folgt Stufe zwei. Da gibt es dann, ich erfinde frei, den "Lesehering" für die ersten Gehversuche, den "Lesekarpfen" für Fortgeschrittene und schließlich den "Lesehecht" für die großen Sprünge zu den Gipfeln der Kunst.
Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Käufer von Kinderbüchern, die Eltern, die Großeltern, die Verwandten und Bekannten, ratlos vor der Flut der Neuerscheinungen stehen. Die Entscheidung für das einzelne Buch wird ihnen abgenommen, sie brauchen nur zu wissen: Hering, Karpfen oder Hecht.
Das Ganze hat eine kommerzielle Seite, die nicht verschwiegen sein sollte. Es ist aufwendig und teuer, für ein einzelnes Buch zu werben. Kinderbücher haben eine Startauflage von oft nur wenigen tausend Exemplaren, und wenn diese im normalen Buchhandel abgesetzt und nicht verramscht werden, dann spricht man schon von einem Erfolg. Buchreihen sind leichter zu vermarkten. Von einer der bekanntesten, der Reihe "Leselöwen", wurden rund 10 Millionen Exemplare verkauft.
Es ist sicher nicht alles schlecht, was bei den Leselöwen, den Bücherbären, den Buchpiraten in Reih und Glied steht, es mag manchmal sogar ein Trick der Verleger sein, ein gutes aber sonst schwer verkäufliches Buch dem Publikum unterzujubeln. So mag es sein. Aber ich fürchte, dass sich immer öfter das einzelne Buch in die Reihe einordnen muss, dass es in Zukunft immer schwieriger wird für Bücher, die aus der Reihe tanzen.
Stellenweise formiert sich die Kinderliteratur neu, und zwar in Graden und Abstufungen der Lesetechnik. Natürlich ist die Altersangabe auf Kinderbüchern nicht ganz unsinnig. Auch ich brauche gelegentlich diese kleine Hilfestellung, diesen Anhaltspunkt, wenn ich für meine Kinder Bücher kaufe. Aber viele Kinderbücher, und zwar in der Regel die besten, werden von Zehnjährigen wie von Achtjährigen gelesen, und den ganz Kleinen lesen ihre Eltern sie vor, auch zu ihrem eigenen Vergnügen.
Als Schriftsteller nehme ich mir die Freiheit, auf das Problematische der Anordnung in Lesegrade hinzuweisen. Sie macht die Kinderliteratur zu einer Art Durchgangsliteratur, und sie impliziert, der Zweck des Lesens sei das Erlernen der Technik des Lesens. Was auch sonst? Was lernt man denn beim Lesen von Büchern, was man nicht am Computer lernen könnte oder in der Sendung mit der Maus? Man lernt lesen, ach ja. Das ist sozusagen das letzte Gefecht der pädagogischen Kinderliteratur.
Pädagogisch ist Kinderliteratur, seitdem es sie gibt. Eine eigenständige Kinderliteratur ist im 18. Jahrhundert entstanden, in der Epoche, die wir "Aufklärung" nennen. Es ist kein Zufall, dass sie vernünftige Literatur war. In vielen dieser Bücher unterhält sich ein Greis oder eine andere Autoritätsperson mit Kindern und erklärt ihnen die Welt. Die Kinderbücher sind, so heißt es in einem Buchtitel "Beschäftigungen für junge Leute zum Nutzen zur Lehre und zum Vergnügen".
Auch zum Vergnügen, immerhin. Aber meistens war das Vergnügen der erzieherischen Zielsetzung untergeordnet, und die ganze Kinderliteratur war ein Vehikel, ein Mittel zu erzieherischen Zwecken.
Ist nun der Großvater, der dem Enkelkind sein Weltwissen weitergibt, auch für heutige Kinderliteratur die richtige Vorgabe? Ich glaube es nicht. Schon die Aufklärung trug den Keim in sich, der dieses Modell zerstören sollte. Denn mit ihren Fragen und Zweifeln hat sie die Autorität des Großvaters aus den Kinderbüchern zerstört. Vor einigen hundert Jahren war klar, dass Kinder zu guten Christen oder zu guten Bürgern oder zu guten Vertretern ihres Berufes, ihres Standes und ihrer Zunft erzogen werden mussten und konnten. Heute wissen wir das alles nicht mehr so genau. Natürlich versuchen wir unseren Kindern einen Halt zu geben, ihnen mit auf den Weg zu geben, was richtig und was falsch ist. Aber es gibt keine Autorität, die das allgemeinverbindlich feststellen kann, es wird immer wieder hinterfragt werden. Und wenn wir unsere Kinder so erziehen, dass sie Autoritäten nicht blindlings gehorchen, ist es zugleich unser Dilemma, das Dilemma der Aufklärer, dass wir unsere eigene Autorität damit in Frage stellen.
Kommt hinzu der rasante Fortschritt der Technik. Wir wissen nicht, welchen Beruf unsere Kinder einmal ergreifen werden. Es könnte ein Beruf sein, von dem wir heute noch nicht ahnen, dass es ihn dereinst geben wird. Wir wissen nicht, welche Fähigkeiten unsere Kinder brauchen werden. Wir müssen unsere Kinder für eine uns noch unbekannte Welt erziehen und sie dereinst in eine von vielen möglichen Welten entlassen, von der wir bei aller Phantasie nur eine vage Vorstellung haben.
Meine Damen und Herren, mögliche Welten, Phantasie, Vorstellung - das sind Begriffe, die wir gewöhnlich mit Literatur in Verbindung bringen. Die Literatur macht von der Vorstellungskraft Gebrauch, die Literatur erfindet mögliche Welten, wir betreten das Reich der Phantasie.
Eine prägnantes Beispiel für eine erfundene Welt im Kinderbuch ist das Lummerland in Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer. Ein König, ein paar Untertanen, darunter ein Lokomotivführer, mehr braucht es nicht, und man hat nicht einen Augenblick das Gefühl, dass irgend etwas fehlt. Beruf und Identität der Figuren sind eins: Der König ist König, der Lokomotivführer ist Lokomotivführer. Es ist eine reduzierte Welt mit ihren eigenen Gesetzen, und nicht zufällig erinnert uns Lummerland an das Gelände einer Modelleisenbahn.
Literatur, und das gilt nicht nur für Kinderliteratur, ist Vereinfachung, sie ist ein Modell der komplexen Wirklichkeit. Aber das ist nur die eine Seite. Das kleine Lummerland ist ein Teil des großen, beinahe utopischen Landes Jimballa. Dieses Bild dürfen wir ruhig auf die Literatur übertragen: Sie entfaltet eine unendliche Bedeutungsvielfalt
In der kleinen Geschichte "San Salvador" von Peter Bichsel probiert ein Mann einen neuen Füller aus. Er schreibt nur zwei Zeilen auf ein weißes Blatt Papier: "Mir ist es hier zu kalt" und "ich gehe nach Südamerika". Die Geschichte vermittelt uns eine Ahnung davon, welches Potential wenige Zeilen Text in sich bergen, wie sie ein Leben auf den Prüfstand stellen, wie sie einen Ausbruch aus diesem Leben zugleich verwerfen und ermöglichen.
Wir müssen uns darüber im Klaren sein: Wenn wir unsere Kinder in das aufregende Leseleben führen wollen, machen wir ihnen das Leben nicht unbedingt leichter. Für die berufliche Karriere reicht die Alphabetisierung, das funktionale Lesen, das Verstehen von Sachtexten meistens völlig aus. Literatur dagegen ist nicht ungefährlich, und damit meine ich jetzt nicht den wenig wahrscheinlichen Fall, lesend unter der Decke im Bett zu verbrennen. Zuviel Nachdenklichkeit mag mancher Karriere sogar hinderlich sein. Das steht fest: Manager brauchen keinen Goethe. So gesehen ist Literatur so nutzlos wie Latein.
Aber sie macht Freude. "Ich finde nicht", hat Astrid Lindgren einmal gesagt, "dass die Kinder lesen sollen, weil es vernünftig ist zu lesen. Sie sollen lesen, weil es Freude macht zu lesen."
Kinderliteratur macht Freude - wenn wir denn wieder mehr erzählen und weniger Anschläge und Zeilen zählen.
Es macht Freude, sich entführen zu lassen an unglaubliche Orte, zu unerhörten Ereignissen. Kinder tun dies zum Teil mit großem Ernst. Wenn ich vorlese aus meinem Buch "Der kleine Herr Jaromir", höre ich oft Fragen der Art: "Wie alt ist Herr Jaromir?" "Hat er Geschwister?" "Was ist sein Lieblingstier?" Die Kinder fragen so, als wäre Herr Jaromir eine lebende Person, ein guter Bekannter, und nicht eine Figur, die sich ein Schriftsteller ausgedacht hat.
Auf der anderen Seite haben Kinder ein erstaunliches Bewusstsein dafür, was es bedeutet, eine Geschichte als Leser zu erleben. Es gibt in diesem Buch eine Stelle, die sie ganz besonders zum Lachen bringt.
In dem Kapitel "Super-Tomaten-Fix" kauft sich der kleine Herr Jaromir Tomatensamen, die er in Blumenkübeln auf dem Fensterbrett pflanzen möchte. Als er nach einigen Mühen seine Einkäufe im Fahrstuhl plaziert hat, steigt er auf eine Kiste Sprudel, und es gelingt ihm zum ersten Mal den richtigen Knopf, den für den sechsten Stock zu drücken. Zwischen der fünften und der sechsten Etage jedoch bleibt der Aufzug stecken. Der Notrufknopf ist mit dem Telefon des Hausmeisters verbunden, sehr praktisch. Doch leider meldet sich nur ein Anrufbeantworter, denn Hausmeister Eberlein macht gerade Urlaub.
Der kleine Herr Jaromir ist um einen Ausweg nicht verlegen. Alles Notwendige hat er gerade gekauft, einschließlich dem Spezialdünger "Super-Tomaten-Fix, also pflanzt er seine Tomaten im Fahrstuhl an, und schon nach kurzer Zeit kann er zufrieden betrachten, wie dort große Sträucher mit kleinen, grünen Tomaten wuchern.
Und nun zu der angekündigten Stelle.
Während Herr Jaromir so seinen Gedanken nachging, war auf einmal ein deutliches Knacken zu vernehmen. Das kam aus dem Lautsprecher neben dem Notrufknopf.
"Hallo, können Sie mich hören?" sagte eine Stimme. "Ist jemand im Aufzug? Hier spricht Hausmeister Eberlein."
"Ja, ich bin hier!" rief Herr Jaromir.
"Bleiben Sie ganz ruhig", sagte der Hausmeister. "Halten Sie durch! Keine Panik. Es ist nur eine kleine Panne. Ich hole Sie da raus."
Herr Jaromir erschrak. "Bitte noch nicht! Meine Tomaten sind noch nicht reif!"
Ich muss zugeben, die Wirkung gerade dieser Textstelle hat mich ein wenig überrascht.
Was macht sie so komisch?
Für die Leser oder Zuhörer, die den kleinen Herrn Jaromir bis hierher begleitet haben, ist es beinahe selbstverständlich, auf jeden Fall nachvollziehbar geworden, dass in einem Aufzug Tomaten wachsen. Es handelt sich ja um eine Spezialzüchtung für Gegenden mit wenig Sonne. Das Lachen der Kinder an dieser Stelle zeigt, dass sie gleichzeitig wissen, wie absurd die Situation einem Unbeteiligten erscheinen muss.
Es ist kein hämisches Lachen. Dazu besteht auch kein Anlass. Herr Eberlein hat als Hausmeister die Macht auf seiner Seite, und der Zuhörer muss fürchten, dass seine Einmischung nichts Gutes verheißt. Das Mitgefühl gilt dem schwachen Herrn Jaromir.
Mit Hausmeister Eberlein kommt jemand dazu, der an unserem stillen Einverständnis nicht teil hat. Er dringt von außen in den Fahrstuhl des kleinen Herrn Jaromir ein. Von einer anderen Ebene aus gesehen: Er platzt mitten in unsere Geschichte. Die kennt er nicht, die hat er nicht gehört und nicht gelesen und darum keine Ahnung.
Leser haben gut Lachen, denn Leser wissen mehr. Das Wissen, das ich meine, ist kein verwertbares Wissen, es zählt nicht viel im richtigen Leben. Trotzdem ist es wertvoll.
Hören wir noch einen kleinen Text, der an einen Ankreuztest erinnert, diesmal aber einen wirklich schönen!
Im Bilderbuch "Der dicke Mann wandert" von Günter Bruno Fuchs trifft der dicke Mann im Verlauf seiner Wanderschaft eine Lehrerin.
Guten Tag, sagt der dicke Mann, sind Sie eine Lehrerin?
Ja, sagt die Lehrerin, ich weiß aber nichts.
Oh, sagt der dicke Mann, was möchten Sie wissen?
Die Lehrerin fragt:
Bellt eine Biene?
Meckert ein Fisch?
Singt eine Ziege?
Lacht ein Junikäfer?
Brüllt ein Schmetterling?
Nein, sagt der dicke Mann, es bellt die Maus, es meckert die Kuh, es singt der Hund, es brüllt die Fliege.
Danke, sagt die Lehrerin, hoffentlich stimmt alles.
Meine Damen und Herren, mit diesen Fragen möchte ich enden.
Meckert ein Fisch? So könnte eine Geschichte beginnen.
© Martin Ebbertz 2004
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